Eine Weihnachtsgeschichte

Nach dem etwas nachdenklichen Beitrag gestern, soll es heute noch eine schöne Weihnachtsgeschichte geben. Das Schwesterlein und ich haben sie letztes Jahr geschrieben, und wir schildern darin, wie Weihnachten bei uns abläuft, oder zumindest wie wir es erleben.

Ich hab den Text original so gelassen, wie er war, für meine deutschen Leser, die möglicherweise einige Wörter nicht verstehen, gibt es ganz zum Schluss ein Glossar *g*.  Und Achtung, sie ist lang…

Weihnachten daheim

Die Schilderung des Heiligen Abend im Elternhause Platypus
Aus der Sicht vom Platypus (große Schwester) und vom Schwesterlein (kleine Schwester)

Weitere Teilnehmer:
Die Eltern und Großeltern der beiden
Die Tante Lisi samt Freund Kurt
Der Bruder Fritz, der nach seinem (und unserem) Papa benannt ist, was im Verlauf der Geschichte zum Verständnis eben derer gut zu wissen ist.
Herr Platypus, der beste Schwiegersohn der Welt

Bei uns fängt Heiligabend eigentlich immer schon am Nachmittag an (ein Heiliger Nachmittag, sozusagen).
Obwohl wir schon einige Zeit lang nicht mehr zuhause wohnen, finden wir uns doch am frühen Nachmittag im Elternhaus ein, um noch richtig in Weihnachtsstimmung zu kommen, auch wenn diese jeder etwas anders interpretiert.  Ein bisschen Hysterie und Streit gehört eigentlich fast immer dazu.

Das obere Wohnzimmer bleibt auch für uns erwachsene Kinder verschlossen um aus dem von Mama geschmückten Christbaum bis zum Abend ein Geheimnis zu machen. Seit wir aber statt der robusten Holztüre ins Wohnzimmer eine aus Glas haben muss Mama sich etwas einfallen lassen um uns die Sicht auf den Baum zu versperren und wirft diverse Seidentücher, Tischdecken oder Leintücher über den Rahmen.
Und während im Obergeschoß geheim geschmückt wird, dürfen wir unten beim Opa schon seit Jahren beim aufputzen helfen.
Früher hat Opa auch noch geschmückt, heute beschränkt er sich darauf zu delegieren, denn er hat ganz genaue Vorstellungen davon, was wohin gehört und die wunderschönen, neuen Kugeln werden wohl noch jahrelang in der Originalverpackung auf ihren Auftritt warten müssen, solange noch genügend vom 50 Jahre alten Baumschmuck da ist. Besonders wichtig ist, das Lametta so zu verwenden, dass es beim Wegräumen wieder sauber verpackt zurück in die Schmuckschachtel kann um im nächsten Jahr wieder verwendet zu werden. Dieser Tatsache entspringt der schöne Knittereffekt, der nur selten bei Lametta anzutreffen ist.
Aber gerade diese alten, abgestoßenen Sachen die wir großteils noch aus unserer Kindheit kennen, machen Opas Baum immer wieder so einzigartig.
Auch die Ecke mit dem Kripperl wird schön mitgeschmückt. Dafür wird die eingebaute Bar im Wohnzimmerschrank geleert und mit Grass ausgelegt. Die von Opa selbst hergestellte Krippe ist etwas ganz Besonderes, wahrscheinlich die Einzige mit zwei Marias und einem flüchtenden Josef… (Die Konstellation entspringt der Tatsache, dass Opa den Josef für einen Hirten gehalten hat und ihn daher etwas abseits vom Geschehen platzierte. Bei einer Ausstellung wurde die stehende Maria an der Krippe für den Josef gehalten und man klebte noch eine kniende Maria daneben).

Am Nachmittag kommen immer wieder Nachbarn vorbei um das Friedenslicht zu holen oder zu bringen und um frohe Weihnachten zu wünschen.
Oft ziehen wir uns noch in unser ehemaliges Zimmer am Dachboden zurück um ein paar Weihnachtslieder mit Gitarrenbegleitung zu üben, oder um die Zeit zu nutzen auch unweihnachtliches wieder einmal gemeinsam zu singen. Dabei wird fast immer etwas Neues einstudiert, wobei wir uns die größte Mühe geben durch abwechselndes, gleichzeitiges oder zweistimmiges Singen dem Lied das gewisse Etwas zu verleihen, das nicht jeder zu würdigen weiß…

Irgendwann, wenn es draußen bereits dunkelt, ruft dann der Papa zum „Raucka-geh“, wobei ihn ein bis zwei Kinder begleiten. Nur ins Wohnzimmer mit dem geheimen Baum geht natürlich die Mama mit. Mit dem Beweihräuchern wird im Keller begonnen, wo Papa die Kohle vorbereitet und in das Pfandl legt. Eine von uns bekommt ein Häferl mit Weihwasser und einen Tannenzweig in Form eines Kreuzes und segnet damit jedes Zimmer, nachdem Papa mit dem Rauch die bösen Geister ausgetrieben hat. Auch die Garage und der Dachboden werden nicht ausgelassen.
Oma und Opa nehmen immer einen besonders tiefen Zug von dem wohl duftenden Rauch. Es sei gut für die Atemwege, meinen sie. Mama meint das allerdings gar nicht, und schimpft, wann immer sie Oma tief inhalieren sieht.
Zu dieser Zeit werden dann auch schön langsam alle Geschenke rund  um den Christbaum und auf den Tisch daneben drapiert, was dem Wohnzimmer dann den letzten weihnachtlichen Schliff gibt. Dabei will natürlich jeder der letzte sein, der seine Geschenke bringt, damit nicht womöglich ein anderer schon sieht, was er bekommt. Auch wenn nur die Verpackung zu erahnen ist, will sich niemand die Überraschung nehmen lassen.

Früher, als wir noch kleiner waren, gab es immer zwei Bescherungen; die erste im elterlichen Wohnzimmer, dann wurde bei der Oma gegessen und nach dem Abwasch kam das Christkind noch einmal.
Mittlerweile haben wir das Ritual etwas abgeändert, und es wird zuerst gegessen, damit während der Bescherung niemand verhungern muss, und Oma nicht immer in die Küche eilt um nach dem Essen zu sehen.
In den letzten Jahren haben die weiblichen Familienmitglieder sich immer mehr ins Küchengeschehen eingemischt, was dazu führte dass wir teilweise zu viert kochen und Tisch decken, während Oma um uns herumwuselt und mit der Qualitätskontrolle immer noch die wichtigste Aufgabe zu erfüllen hat.
Ihre beiden Töchter führen einen (mehr oder weniger) stillen Wettbewerb aus, wer öfter „Oma setz di nieder“ sagen kann, was von derselbigen aber hartnäckig ignoriert wird.
Endlich gibt es dann Essen, dicke und dünne Bratwürste, Sauerkraut und einen feinen Erdäpfelschmarrn. Und ganz egal, wie viel man isst, es kann nie genug sein, und es bleibt immer noch genug für den nächsten Tag übrig.
Opa sitzt schon seit Jahren am Kopfende des extra verlängerten Tisches (natürlich nicht durchgehend…) und mit ein wenig Glück gibt er Geschichten von seiner Kindheit in Ungarn zum Besten während er sich von der Oma das Sauerkraut reichen lässt. Diese hat die stumme Deut- und Zeichensprache ihres Gatten so verinnerlicht, dass sie ihm immer das Gewünschte reicht, auch wenn außer ihr noch nicht einmal jemand bemerkt hat, dass sich Opa nach etwas umsieht.
Gemeinsam wird dann der Abwasch erledigt, wobei wieder eine halbherzige Diskussion zwischen Oma und Tante Lisi entsteht, wer denn nun sitzen bleiben soll. Meistens kann Tante Lisi gar nicht so schnell abwaschen, wie 2 – 3 Leute abtrocknen. Das ärgert die Oma ein bisschen, weil sie es viel schnell erledigen könnte, wie sie meint.
Früher noch eine lästige Pflicht, macht es mittlerweile schon Spaß gemeinsam in der Küche zu werken, man scherzt und singt sich schon ein wenig ein, und Tante Lisi versucht meist noch auf die Schnelle uns ein Lied beizubringen, welches sie mit „ihren“ Kindern in der Schule einstudiert hat. Dieser Versuch scheitert aber meist kläglich an der viel zu hohen Tonlage, in der sie anstimmt. Denn wer bei „Mache dich auf und werde Licht“ schon die erste Zeile nur schwer mitkrächzt, der steigt spätestens beim viel zu hohen „..auhauf uhund werde Licht…“ aus.
Und während die Mädels um die Abwasch stehen und sich gegenseitig die Arbeit wegnehmen machen sich Kurt und Papa unter Mamas kritischen Blicken noch ein Flascherl Wein auf und Opa verzieht sich vor den Fernseher ins Wohnzimmer. Wenn dann alles wieder sauber ist und sich nur noch Reste der Tischdekoration auf dem Tisch befinden klingelt von irgendwo das Glöckchen und wir wissen: Jetzt ist das Christkind gekommen.

Und auch wenn wir längst wissen, dass es kein Christkind gibt und wir den Baum sogar selber geschmückt haben, sind wir immer noch aufgeregt und gespannt.
Ehrfürchtig betreten wir das verdunkelte Wohnzimmer und bestaunen die schrecklichen Kunststoffkerzen am Baum, die aus Sicherheitsgründen im letzten Jahr eingeführt wurden.

Daraufhin nimmt jeder sein Stammplätzchen ein. Oma, Opa, Kurt und Lisi meist auf der Couch, die „Kinder“ am Boden und Mama und Papa auf den mitgebrachten Sesseln aus der Küche.
Die ersten Weihnachtslieder werden angestimmt und seit wir uns vor einigen Jahren einmal Texthefte gefertigt haben, können wir die Lieder auch nach der ersten Strophe ohne „lalala“ fertig singen. Seit Mama regelmäßig in die Kirche geht und einen besonderen Draht nach oben hat, darf auch das Weihnachtsevangelium nicht fehlen und wir singen das Vater unser, während wir im Kreis stehen und uns an den Händen halten.
Opa zuliebe bemühen wir uns, möglichst wenige englische Lieder zu singen, trotzdem dauert ihm das Ganze meistens etwas zu lange.
Und auch wir werden etwas ungeduldig und unsere Blicke wandern immer auffälliger und immer neugieriger zu der wahren Packerlflut, die rund um den Christbaum verteilt ist.  Insgeheim suchen wir die Anhänger schon nach Namen ab und in Gedanken überlegen wir, was wohl für uns selber sein könnte.

Tante greift noch einmal nach der Lichterkette am Baum um die Wärme zu fühlen, damit ja nichts zu brennen anfängt, während wir endlich unsere Geschenke austeilen. Schon immer war das die Aufgabe der Kinder und daran hat sich bis heute nichts geändert. Freudestrahlend überreichen wir die diversen Päckchen, Säckchen und Söckchen an die Empfänger. Mittlerweile erkennen wir an der Handschrift von und an wen das Geschenk geht – früher gab es manchmal Fehlzustellungen aufgrund von Beschriftungen wie „für Papa“ oder „Fritz“. Tante Lisi dirigiert ihre Päckchen immer mit, aber spätestens wenn der kleine Bruder eine Flasche Wein auspackt, wüssten wir ohnehin Bescheid, dass er der falsche Fritz ist…
Zwischendurch ertönt immer wieder mal Omas „Maria… Na, ihr seid ja wahnsinnig“ begleitet von Opas charakteristischem „Na bumm!“, was bedeutet dass die Beiden etwas ausgepackt haben, das ihren Geschmack trifft (oder das sie für zu teuer erachten).
Natürlich möchte jeder sehen, was die anderen geschenkt bekommen und die glänzenden Augen nicht verpassen, wenn das eigene Präsent ausgepackt wird.

Mama ist dabei wahrscheinlich die Beharrlichste. Gefühlte hundertmal wird sie von verschiedenen Seiten aufgefordert doch endlich mal mit dem Auspacken anzufangen aber sie wartet bis ganz zum Schluss, bis das letzte Geschenk offen ist, bevor sie sich ihrem eigenen Berg zuwendet. Weil jeder weiß, wie gerne sie Packerl aufmacht, bekommt sie immer mehrere Kleine, statt wenigen Großen.

Rundherum liegen Scheren bereit, um hartnäckige Bänder oder verklebte Tixostreifen zu bezwingen. Auch ein Wäschekorb für das Altpapier ist verfügbar, der sich innerhalb weniger Sekunden mit den zerfetzen Papier-Resten füllt. Da wir jedes Jahr um die 10 Personen sind und jeder jedem mindestens ein Geschenk macht, kann man die ungeheure Menge an Präsenten und anschließendem Müll erahnen.
Große Vorsicht ist zu nehmen, um nicht diverse Kuverts oder Geldscheine unbemerkt in besagten Wäschekorb fallen zu lassen.

Während Mama noch mit Auspacken beschäftigt ist, und die anderen schon mal ihre Geschenke etwas genauer in Augenschein nehmen, verschwinden Oma und Tante Lisi und manchmal auch eine von uns Schwestern schon im Keller um die legendären Keksteller herzurichten und später am Wohnzimmertisch zu präsentieren. Obwohl nach dem reichlichen Abendessen eh keiner mehr so richtig Appetit hat, lässt die Vielfalt an Keksen uns noch einmal das Wasser im Mund zusammenlaufen und automatisch greift man zu. Dabei hat jeder so seine Favoriten. Die Tante liebt die so genannten „Butterbrote“, Judith isst am liebsten Florentiner, während Doris zu den Pariser Stangerl greift und Fritz innerhalb weniger Minuten sämtliche Vanillekipferl vernichtet.
Ab und zu wird auch die Gitarre noch mal hervorgeholt, und die am Nachmittag einstudierten Lieder zum Besten gegeben. Wenn Oma und Opa müde von der Weihnachts-Anstrengung  werden und sich Tante Lisi womöglich was im Fernsehprogramm findet, packen wir unsere Gaben zusammen und wandern schwer bepackt ins Obergeschoß, wo noch einmal eine ganz kleine Bescherung stattfindet. Wir bewundern Mamas Weichnachtsbaum und jeder erhält noch einmal eine Kleinigkeit von ihr. Der Baum unterscheidet sich stark von dem unteren. Wenn Mama Lametta aufhängt, dann nur mit dem Geodreieck, manchmal befinden sich Windringerl oder selbst gebastelter Strohschmuck auf den Tannenästen. Im Großen und Ganzen mag Mama den Baum lieber leerer, damit die Schönheit der Pflanze an sich besser zur Geltung kommt. Hier gibt es aller Vorsicht zum Trotz noch echte Kerzen, die den Raum beim Ausblasen mit ihrem Weihnachtsduft erfüllen. Jetzt wird weiter gesungen und manchmal finden sich auch ein paar Leute für ein Brettspiel ein.

Am frühen Abend waren wir noch mutig und meldeten uns freiwillig für die Mitternachtsmette, meist jedoch sind wir um diese Zeit schon so erschöpft und überessen, dass wir uns doch nicht zum Fußmarsch durch den Bäckengraben aufraffen können.
Die letzen Jahre war das die Zeit, in der wir aufgebrochen sind um die Nacht noch bei den Familien unserer Freunde zu verbringen. Heuer aber freuen wir uns auf ein gemeinsames Fest, da wir alle zusammen im Elternhaus übernachten.

© 2007

Vokabular:

Aufputzen             schmücken
Kripperl                 Weihnachtskrippe
Grass                      Tannenreisig
Raucka geh          wörtl. Rauchen gehen, Beweihräucherung des Hauses
Pfandl                   Pfanne
Häferl                   große Tasse
Erdäpfelschmarrn    Kartoffelgericht mit Zwiebeln, in der Pfanne gebraten
Abwasch, die    Spüle
Tixo                      Klebeband, gleich Tesa

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3 Antworten zu “Eine Weihnachtsgeschichte

  1. Fröhliche Weihnachten wünsche ich dir und deiner Familie…lG Heike

  2. Großartig! Da kann ich schwer verstehen, warum du dein Weihnachten so sehr liebst!
    Ich lieb es ja auch und obwohl es wirklich GANZ ANDERS von Statten geht, freu ich mich ebenfalls immer schon vorher… jetzt ist aber schon fast mittendrin, also mach ich mich mal flugs unter die Dusche, denn seit einigen Jahren bin ich hier für das Abendessen zuständig 😉
    Ein schönes Weihnachtsfest dir und deinen Lieben!

  3. I Find Dey seitn´ is da Hauma!

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